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Sicht der Dinge: Skateboarding und Sexismus

Sexismus ist ein Thema, über das sich lange diskutieren lässt, weshalb wir die Antworten von Anna Gross und Sebastian Vellrath auch nicht komplett im Sicht der Dinge unserer aktuellen Ausgabe unterbrachten. Dafür gibt es jetzt diesen Artikel, in dem ihr nochmal alles komplett nachlesen könnt.

[Interviews: Niklas Isenberg | Fotos: S. Krammer, Felix Helle]

Als Sexismus wird die auf das Geschlecht bezogene Diskriminierung bezeichnet. Sexismus ist immer noch ein großes Problem in unserer Gesellschaft, betrachtet man beispielsweise das Phänomen, dass Frauen in der Arbeitswelt für genau denselben Job weniger Geld verdienen als ihr männliches Pendant, sogar in der selben Firma. Wir haben mit Sebastian Vellrath und Anna Groß, die unter anderem den ersten Skateboard-Contest für Frauen organisiert, über Sexismus im Skateboarding gesprochen.

Hey Anna, kannst du uns die wichtigsten Beispiele für Sexismus in der Skateszene nennen?
Anna: Da würd ich empfehlen, unsere Webseite auszuchecken, denn das kann man nicht so gut in zwei Sätzen beantworten! Generell ist hier festzuhalten, dass die Skateszene Sexismus nicht erfunden hat. Das ist ein gesamtgesellschaftliches Thema! Wenn aber Frauen immer nur als Nacktmodell auf dem Deck und nicht als Fahrerin in den Magazinen auftauchen, gibt es keine Vorbilder für skatende Mädels und wo sollen die dann herkommen?

Hi Sebi, wie viele Skaterinnen kennst du, mit wie vielen bist du schon eine Session gefahren?
Sebi: So viele Skaterinnen kenne ich jetzt nicht. Aber hier in Berlin ist zum Beispiel Kim Wibbelt oft bei den Sessions in der Halle am Start.

Anna, stört es dich, wenn Typen eine Ledge mit Wachs in Brustform bearbeiten?
A: Na, klar! Wie wäre es wohl, wenn ein Typ eine Skaterin dabei beobachtet, wie sie einen Wachspenis über die Ledge verteilt? Die Brust wird zum Objekt. Man vergisst, dass es ein sehr sensibler und wichtiger Teil eines Körpers ist. Das führt dazu, dass Typen Frauen als Objekte und eben nicht als ernstzunehmende gleichwertige Menschen ansehen.

Anna: Wie wäre es wohl, wenn ein Typ eine Skaterin dabei beobachtet, wie sie einen Wachspenis über die Ledge verteilt?

Wie würdest du reagieren, wenn eine Skaterin einen Wachspenis auf einer Ledge verteilen würde, Sebi?
S: Ich fände das recht amüsant. Gerade für Frauen eine gute Idee. Du solltest mal über ein Patent nachdenken, Anna.

Wie sehr gefallen dir nackte Frauen unter deinem Deck oder auf deinem Griptape?
S: Eine nackte Frau auf meinem Grip würde mich vom Trick ablenken. Unter meinem Board kann alles sein. Auch ein nackter Mann. Vielleicht einer aus der MSM Redaktion?!

Könnte man nicht ein Auge zudrücken, wenn in einer Jugendkultur, die aus pubertierenden Jungs besteht, Produkte u.a. mit Ärschen verkauft werden?
A: Nö, denn wir kritisieren nicht die Teenager, die so was witzig finden, sondern die Macher der Produkte, die bestimmt keine Teenies sind. Außerdem besteht die Skateszene ja nur deshalb hauptsächlich aus pubertierenden Jungs, weil sich die meisten Mädels aus den obengenannten Gründen darin immer wieder nicht besonders wohlfühlen.

Ist Skateboarding tolerant genug, Sebi?
S: Skateboarding sollte für alles offen sein. Das war jedenfalls der Grund, warum ich angefangen habe. Und wenn einem etwas nicht passt, sollte man lieber in Aktion treten, statt sofort rumzunörgeln.

A: Moment! Wir nörgeln ja gar nicht rum. Wir zeigen Dinge auf, die wir allein nicht ändern können! Wenn immer nur die Ladies versuchen, ihre nicht vorhandene Sichtbarkeit zu thematisieren, dann wird sich nie was ändern. Wir müssen das schon alle gemeinsam machen!

Anna, findest du es seltsam, dass bei einer Company die sich Girl nennt, kein einziges Mädel mitmachen darf?
A: Ja, ich finde es seltsam. Allerdings fing die Firma schon mit dem Namen an, Frauen auszuschließen. „I ride my girl“ lässt sich als Mann vielleicht mit Witz über die Lippen bringen, setzt aber die Frau auf eine Stufe mit einem Stück Leimholz mit Griptape. Welcher Typ würde sich das sagen lassen?

Sollte es deiner Meinung nach so etwas wie eine Frauenquote für Skateteams, Magazine, etc. geben?
A: Ja, genau so was in der Art! Stell dir mal vor, in jedem Skatemag wäre mindestens ein Feature mit ner Frau, in jedem Team mindestens (!) eine Lady. Dann gäb es plötzlich einen Grund auf skatende Ladies zu achten. Es würde normaler, skatende Mädels zu sehen und es gäbe Vorbilder. Dadurch angeregt, würden mehr Mädels überhaupt anfangen zu skaten und so gäbe es mehr gute Skaterinnen.

Sebi, glaubst du, dass es mehr Skaterinnen geben würde, wenn die Besten mehr Coverage bekämen?
S: Die Besten bekommen ja auch irgendwie Coverage. Es ist halt ein männerdominierter Sport, genau wie Fußball, und so wird es, wenn man realistisch ist, auch immer bleiben. Einerseits stimme ich Anna zu, vielleicht sollten Magazine und Companys öfter Frauen supporten, auch wenn sie im Vergleich weniger hart abliefern. Andererseits glaube ich nicht, dass nur deshalb so wenig Frauen skaten, weil sie so selten gefeatured werden oder es Graphics mit nackten Ladys gibt.

A: Sebi, interessanterweise ist es doch im Fußball genau das gleiche Phänomen: Der Männersport wird finanziell gesponsort, in den großen Fernsehsendern gezeigt, global wahrgenommen. Seit der Frauenweltmeisterschaft in Deutschland reden die Leute auch endlich über Frauenfußball, obwohl es den auch schon immer gab, nur werde er vorher nicht so gezeigt. Ich denke, Skateistan ist ein perfektes Beispiel dafür, dass Skateboarding aus gesellschaftlichen Gründen männerdominiert ist und nicht so bleiben muss!

Sebi: Es geht im Endeffekt um ein gutes Foto. Da fehlt den Girls einfach noch die Gnarliness

Warum gehen die bekannten Fotografen so selten mit Mädels los?
S: Ich denke Fotografen machen da keinen Unterschied. Es geht im Endeffekt um ein gutes Foto und am besten auch darum, einen harten Trick einzutüten. Da fehlt den Girls einfach noch die Gnarliness. Ich denke Henne, Biemer, Gentsch oder Wagner hätten kein Problem damit, so wie ich sie kenne. Aber die meisten Skaterinnen suchen eben auch nicht wirklich den Kontakt zu den Medienleuten. Selbstbewussteres Auftreten wäre da besser, als von vornherein eine Opferrolle einzunehmen, wie ich es oft wahrnehme. Skateboarding braucht mehr starke Frauen, ganz klar.

A: Wie gesagt, Sexismus ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Mädels wachsen auf in einer Welt, in der „laute“ Mädels als dirty & ungezogen gelten, während selbstbewusste Typen was Tolles sind. Versuch mal, gegen deine anerzogene Schüchternheit anzugehen, wenn du an nem Skatespots mit 20 Typen & 2 Mädels stehst und dem Fotografen, der dich mit dem Arsch nicht anguckt, davon überzeugen sollst, deine Tricks zu schießen. Hammerhart. Lasst uns doch alle gemeinsam dagegen angehen. Wir brauchen einfach euren Support, ok?!

Wir haben laut Online-Umfrage 5,4% weibliche Leser. Wie oft sollten wir Skaterinnen covern und welche würdest du vorschlagen, Anna?
A: Macht doch einfach mal jedes zweite Magazin mit ner Lady auf dem Cover und in jedem Magazin mindestens ein Feature einer Skaterin, lasst mal ne Autorin schreiben, interviewt aktive Frauen in der Szene. Fangt an mit Julia Brückler (AU), Anna Kruse (D), Candy Jacobs (NL), Evelien Bouilliart (B) oder der Halfpipe-Fahrerin Karen Jonz (BRA). Dann habt ihr schon mal verdammt gute Frauen zum Anfang. Und dann gibt es natürlich noch viel mehr!

Was hälst du von Annas Idee, jedes zweite Cover an eine Frau zu geben, Sebi?
S: Das finde ich jetzt ein wenig übertrieben. Nicht nur, weil Männer bessere Tricks machen, sondern auch weil es deutlich mehr skatende Männer gibt. Der Frauenanteil liegt bei wie viel? 5-10%? Und wie viel können davon ein Cover schießen? Da müsste man ja schon fast den drei besten deutschen Fahrerinnen jeweils zwei Cover geben.

A: Ok, vielleicht ist meine 50/50-Idee noch übertrieben, aber es kann doch nicht angehen, dass seit Puses Covershot keine einzige weitere Frau auf keinem weiteren europäischen Cover zu sehen war.

Außer Steffi Weiß und Sabrina Göggel haben es bislang keine Frauen geschafft, in der Szene Fuß zu fassen. Deutet das bei auf mangelndes Durchsetzungsvermögen hin?
A: Stimmt, alle anderen Skaterinnen sind nicht wirklich sichtbar vertreten. Aber es hat leider nicht mit schlechtem Durchsetzungsvermögen zu tun, sondern damit, dass Frauen einfach nicht wirklich als skatende Personen wahrgenommen werden. Oder erst, wenn sie mit den entsprechenden Teammanagern befreundet sind. Die Skateboardmagazine sind halt alle von Typen besetzt und die interessieren sich einfach mal nahezu gar nicht für die Frauenskateboardszene. Woher sollen sie dann auch wissen, who‘s hot and who‘s not. Frauen gelten in der Szene oft nur als „Bettys“ oder „Freundin eines Skaters“.

Du kritisierst, dass Contests für Frauen nur „Randveranstaltungen mit Trostpreisen“ sind. Ist das wirklich Sexismus? Erklärt sich das nicht durch marktwirtschaftliche Aspekte?
A: Ja, leider ist es Sexismus. Denn es zeigt einfach, dass skatende Frauen nicht so viel Wert geschätzt werden, wie skatende Männer. Warum verteilt man das nicht gleich? Das ist aber auch wiederum kein Skateboarding-spezifisches Thema. Das gesamte Team der deutschen Fußball-Frauen-Nationalmannschaft muss immer noch andere Jobs machen, um den Lebensunterhalt zu verdienen. Vom Fußball allein leben die dreimaligen Weltmeisterinnen immer noch nicht.

…Und darum habt ihr „Suck my Trucks“ ins Leben gerufen?

A: Der Contest wurde ins Leben gerufen, weil es keinen Frauen-Skateboardcontest in Berlin gab und deutschlandweit nicht einen Einzigen mit gescheitem Preisgeld. Halfpipecontests, an denen Frauen teilnehmen dürfen, gibt’s in Deutschland nicht. Also machen wir das jetzt und schaffen eine gute Gelegenheit, all die guten Skaterinnen, die nicht in den Magazinen, Teams und Videos vorkommen, zu uns zu holen. Und yeah, die gehen so krass ab!

Sebi, warum sind die Preisgelder für Frauen bei Contests, genau wie beim Fußball, so niedrig?
S: Naja, das liegt an den Sponsoren. Wenn ich Werbung machen wollte, würde ich auch dort hingehen, wo die meisten Leute sind. Aber mit mehr Skaterinnen und einer größeren Szene wird sich das sicher noch etwas anpassen. Skateboarding ist noch ein sehr junger Sport im Vergleich zum Fußball. Vielleicht gibt es irgendwann ne Frauen-Gruppe beim COS. Also da ist noch was Zeit und Hoffnung.

Anna, habt ihr schon mal mit dem COS Kontakt aufgenommen, ob da vielleicht was möglich ist?
A: Ehrlich gesagt sind wir schon bei der Sponsorenanfrage für unseren Contest ziemlich gegen die Wand gerannt. Das hieß immer wieder: „Contest in der Skatehalle Berlin. Ja, gern. Aber was? Ein Frauencontest? – Kein Interesse“. Der COS ist schon auf jeden Fall ne coole Sache, da fahren auch öfter mal Mädels mit. Wenn der COS Bock auf ne Mädels-Section hätte, wäre cool. Aber dann auch bei allen Tourstopps generell skatende Ladies einplanen, nen weiblichen Judge einsetzen. Dann würden bestimmt auch noch mehr Ladies dran teilnehmen.

Wie würdest du die Entwicklung von Frauen in der Skateszene und der Toleranz ihnen gegenüber in Deutschland in den letzten 20 Jahren beschreiben?
A: Ich würde behaupten, es tut sich immer wieder was in die richtige Richtung, aber auch immer noch genau so viel Mist. Es gibt immer wieder mal richtig gute Skaterinnen, das Niveau ist höher als je zuvor! Das wird aber immer noch nicht wirklich wahrgenommen. Und verdammt, es geht nicht um „Toleranz“ für skatende Ladies, sondern einfach darum, dass Skaterinnen genau so „normal“ oder „unnormal“ sein sollten, wie die Männer der Szene auch. Es gibt glücklicherweise auch schon ganz schön viele Skater, die das längst kapiert haben!

Wie würdest du die Entwicklung beschreiben, Sebi?
S: Ich finde die Entwicklung sehr positiv. Es gibt viel mehr Skaterinnen als früher und ich denke, sie werden auch ernst genommen. Zudem gibt es welche, die so gut skaten, dass jeder Mann den Hut ziehen sollte. Die stecken teilweise härter ein als mancher Kerl. Frauen wie Steffi Weiss haben sehr viel für Skaterinnen bewegt in Deutschland und gezeigt, dass man auch nach seiner Karriere im Skateboardbusiness die Fäden ziehen kann. Ich bitte um mehr skatende Frauen. Das Wichtigste ist einfach mitzumischen bei den Männern. Ich kenne jedenfalls keine Skater, die sich an Mädels bei einer Session stören.

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