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Helge in Brasilien
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Helge in Brasilien

Für wie wahrscheinlich hast du es gehalten, noch mal ein Interview im Monster zu haben?

Na ja, erwartet hat es wohl niemand, das es diesen Titel noch einmal geben wird. Vielleicht online, aber niemals Print, deshalb gingen meine Gedanken eher in eine andere Richtung als das ich bei der Monster ein Interview haben könnte. Freut mich sehr.

Was waren die ausschlaggebenden Gründe für den Umzug nach Brasilien?

In erster Linie meine Tochter, die absolute dauerhafte Überarbeitung hinsichtlich der Monster, meine Gesundheit und der Drang nach etwas absolut neuem.

Und, wie war es dann so? Das sah ja schon doll aus. Schönes Haus, viel Grün, aus den Bildern triefende Luftfeuchtigkeit…

Wir sind mit 8 Koffern a 32 Kilo ausgewandert, vorher haben wir alles auf Flohmärkten verkauft. Wir sind dann mit 4 Freunden nach Frankfurt mit dem Zug, wir konnten die ganzen Koffer nicht alle zu zweit transportieren, plus Kind versteht sich. In Sao Paulo angekommen, haben mir dann Freunde mit zwei Autos geholfen. Es war einfach zu viel Gepäck. Am nächsten Tag dann wieder zum Flughafen und weiter auf die Insel. Dort haben wir dann erst mal 7 Monate auf 10 qm bei den Eltern gewohnt. Die wohnten etwas schräg und ich mußte erst einmal einem jungen Typen vorgestellt werden damit mir nichts passiert in der Gegend. Der war wohl der Chef im Berg und alles gehorchte. So war also Helge als der „Gringo“ oder „alemao“ im Viertel bekannt und sicher. Trotzdem etwas schräg für so einen Kartoffelfresser wie mich. In der Zwischenzeit haben wir dann das Land gekauft und das Haus gebaut, allerdings in einem komplett anderen, relativ sicheren Viertel nah am Strand und später dann nah an den Bowl der Insel. Aber ja, es war paradiesisch grün, scheisse Schwül und ich verwandelte mich erst mal in einen Handwerker und Gärtner.

Skateboarding traf mich erst wieder später. Pedro Barros zum Beispiel war zu diesem Zeitpunkt 10 Jahre alt, alle der späteren Pros und Überflieger von dieser Insel waren noch kleine Kinder. Das alles begann Jahre später und auf einmal war Skateboarding wieder zurück in meinem Leben, aber eben Bowlskaten.

Was waren die ausschlaggebenden Gründe für die Rückkehr?

Ich glaube, es war schlichtweg Langeweile und das vermissen meiner Freunde in meiner Sprache. Du kannst eine Sprache noch so beherrschen, wirklich rein kommst du nie. Und irgendwo bist du immer noch der Gringo, es ist einfach anders. Ich hätte da jetzt bleiben können bis ich verrecke und Sandkörner am Strand zählen können, es gab ja 40 verschiedene. Dazwischen immer Grillen können mit den Jungs, Bier trinken und Fotografieren. Für manche hört sich das wahrscheinlich gut an, aber ich erwarte doch ein wenig mehr vom Leben. Und um das zu haben, wollte ich nicht immer wieder für viel Geld zurück nach Deutschland müssen. Also gab es irgendwann diesen Punkt und die Entscheidung zurück zu gehen. 14 Jahre waren genug, wir wollten etwas neues, altes.

Wie fühlt sich das an, wenn der Flieger abhebt und die Verlagerung des Lebensmittelpunkts besiegelt? Bzw. wenn es einen Punkt gab, an dem dir jeweils die gewisse Endgültigkeit bewusst wurde, welcher war das – sowohl auf dem Weg hin, als auch auf dem Weg zurück?

Man wandert ja nicht einfach aus, allein der bürokratische Weg ist ja hin wie zurück ein riesiger. Es hat jeweils fast ein Jahr an Vorbereitung gedauert. Schlimm war teilweise das sich von Dingen trennen, die man gerne hatte, Freunde, Dinge in deiner Umgebung, Gewohnheiten, die auf einmal weg waren. Sich von seinem selbstgebauten Haus zu trennen mit all dem Erlebten dort war hart, aber zum Glück gehört das Haus weiterhin der Familie, so das ich immer wieder dorthin zurück könnte. Meine Tochter hatte es mit Sicherheit härter als wir alle, sie ist dort wirklich aufgewachsen, hatte alle ihre Freunde dort, kannte Deutschland nur von Besuchen.

Zum Glück ist sie mittlerweile sehr glücklich hier und erkennt, welche Vorteile das Leben in Europa hat. Und es wurde natürlich auch viel geweint, auch das gehört dazu. Manchmal dachten wir, wir sind verrückt, warum machen wir das…sei es auf dem Hin wie auf dem Rückweg.Wir haben ja praktisch zweimal bei null begonnen. Heute mit etwas Abstand und nach dem „zurückeinleben“ in Köln bin ich sehr dankbar für die gesamten Erfahrungen die mit diesem Ausstieg damals einhergingen.

Wie fiel die Wahl auf Florianopolis, hat Skateboarding in der Entscheidung irgendeine Rolle gespielt?

Nein, wie gesagt, Skateboarding kam erst später wieder auf mich zu. Die Familie der Mutter meiner Tochter lebten dort und somit wurde es die Insel. Wenn du dich aber mal erkundigst wirst du merken, das es nicht die schlechteste Entscheidung war. Einfach Glück gehabt. Es ist ja wirklich paradiesisch, wie man sich das halt vorstellt so als Weissbrot.

Gab es Dinge in Brasilien, die dich dann doch überrascht haben? Hast du irgendwas vermisst?

Die Menschen dort sind einfach extrem freundlich und hilfsbereit. Das merkst du schon am Flughafen. Vor allem mit Kind bist du König dort, wirst überall bevorzugt. Obwohl die Menschen meist sehr wenig haben, geben sie alles für dich, egal welche Nachteile vielleicht dadurch für sie entstehen. Brasilianer resignieren nicht, sie finden immer einen Weg. Das war für mich Zweckpessimisten fast schockierend und belehrend zugleich.

Wolltest du da drüben eigentlich überhaupt noch als Skateboardfotograf arbeiten? Wo hat man es als Skatefotograf im Endeffekt „leichter“: in Brasilien, oder hier?

Die Companies drüben kannten natürlich meine Arbeit, zudem waren wir ja auch vorher schon dort auf Tour mit einen paar Jungs, so das man schon Kontakt hatte. Wäre ich nach Sao Paulo gezogen, hätte ich wahrscheinlich genauso weiterklotzend können wie in Deutschland. Da das aber nicht der Plan war, gingen wir auf die Insel. Dort hatten wir erst mal Ruhe und konnten uns auf unsere Tochter und das Leben konzentrieren. Das hatte ich in Deutschland ja irgendwie garnicht mehr. Das tat gut. Als dann später die Distribution von Thrasher, Santa Cruz, Child und Independent über die Firma Drop Dead auf die Insel kamen, Pedro Barros, Murilo Peres, Foguinho, Vi Kakinho zu bekannten Bowl Pros aufstiegen, ging alles wieder los. Aber in einer anderen Geschwindigkeit. Dann kamen die Skate Generation/VPS Contests und die Amis kamen zu uns. Man brauchte nicht mehr in die Staaten, sie kamen zu uns. In kürzester Zeit entstanden 14 Bowls auf der Insel, einer abgefahrener als der andere, versteckter und privater als der andere. Plus die Strände, das ganze Feeling, die schönen Menschen, jeder wollte es mal gesehen haben, und das bis heute. Um deine Frage zu beantworten, ich denke, als Fotograf ist es überall schwer. Ich hatte vielleicht das bessere Equipment damals, das gab mir einen Vorteil, plus die Verbindungen zu allen großen Magazinen wie Thrasher, TWS, Europa.

Da waren alle heiß drauf. Aber am Ende liegt es doch an deinem Einsatz. Von nichts kommt nichts.

28 Grad im Januar und 20 im Juli – wie sehr fickt es den Kreislauf des durchschnittlichen Mitteleuropäers? Wie sehr beeinflussen die klimatischen Unterschiede den Tagesablauf? Wie sah so ein Tagesablauf für dich überhaupt aus?

Meine Tochter hat den Tagesablauf bestimmt, 6.15 Uhr aufstehen, zur Schule bringen, dazwischen Dinge erledigen, Tochter wieder abholen. Essen, zum Strand gehen, etwas schwimmen, die Leute kontaktieren wo geskatet wird, dort hinfahren, bisschen fotografieren, Grillen…meine Tochter fand die Jungs immer ganz cool, somit war sie praktisch immer bei meiner „Arbeit“ dabei, das machte es einfacher. Dadurch, das wir 4 Jahreszeiten hatten, war eigentlich alles wie in Deutschland, allerdings ohne Heizung im Winter, das war manchmal hart. 7 Grad hatten wir oft und dann wurde es schon ungemütlich. Im Sommer skatete keiner vor 18.00, da es einfach zu heiß war.

In Deutschland hast du ja jahrelang tageweise für Skateboarder und MSM gleichermaßen in direkter Schusslinie der Boards im Dreck gelegen. Wenn ich dich richtig verstanden habe, dann ist das jetzt nicht Teil des Plans, aber: Wirst du das durchziehen können? Oder wird man dich „for old times sake“ noch hier und da am Fuße eines Handrails sehen?

Nein, das will und kann ich nicht mehr. Auf Events vielleicht, klar. Aber so den Classy Helge Treiber Scheiss mit 200 auf der Autobahn für redaktionelle Inhalte? Nein, auf keinen Fall. Ich fotografiere heute im Auftrag viel mehr andere Dinge in der Fotografie Welt und das klappt ganz gut.

Dass Skater mitunter etwas wahnsinniger sind als der Durchschnittsbürger: Geschenkt. Aber: Wie viel wahnsinniger als der Durchschnittsskater sind die in Brasilien?

Brasilianer wissen, das sie mit Skateboarding richtig reich werden können, sofern sie in fremder Währung verdienen. Diese Jungs trainieren richtig hart für das was sie erreichen wollen. Viele haben dann noch angeborenes Talent und alles ist möglich. Es gibt ja unzählige Beispiele. Aber selbst nur national bekannte Pros haben große Sponsoren und spielen eine große Rolle in der brasilianischen Medien Welt. Brasilianer sind ungemein stolz auf die, die es irgendwie geschafft haben. Es gibt hier so gut wie keine Neidkultur, man feiert und unterstützt dich. Skateboarding kommt direkt nach Fussball und Volleyball, es hat ein ungemein hohes Ansehen.

Die Fotos rund um diesen Artikel lassen vermuten, dass da den ganzen Tag BBQ Pool Party am Dschungelrand ist. Ist das so? Wie bist du so im Umgang mit Dschungeltieren?

Wir hatten ständig Schlangen oder irgendwelche tote oder lebende große Viecher im Bowl, die fielen nachts rein. und mussten dann erst mal rausgeholt werden. Man gewöhnt sich an alles und achtet halt auf seine Schritte sag ich mal. Ansonsten alles ein paar Stufen Bunter in der Tierwelt, sehr schön. Gefährlicher ist es da eher auf der Strasse. Brasilien ist ja auch ein extrem gefährliches Land mit vielen Waffen. Ich konnte meine Tochter nicht einfach draussen rumlaufen lassen, sei es aus Entführungsgründen oder sonstigen kriminellen Möglichkeiten. Irgendwann ist man aber sensibilisiert und kommt damit klar. Als wir zurück in Deutschland waren, musste meine Tochter erst mal mit 15 Fahrrad fahren lernen, da es dort absolut nicht möglich war. Diese Freiheit geniesst sie heute. Und ja, gegrillt wurde in der Tat jeden Tag, meist neben dem Bowl, kein Bowl ohne Grillecke. Da konnten die Amis mit ihren Grillgewohnheiten nach Hause gehen.

Einen Gegenstand, den man in Brasilien immer dabei haben sollte. Und deine Top 3 Lifehacks, ob mit oder ohne Brasilienbezug.

Ich hatte immer eine Axt dabei, frag mich nicht warum, die war einfach immer im Auto, gab mir Sicherheit. Ansonsten ein Lenkradschloß, Autos sind dort schnell weg. Ansonsten kommt wirklich immer alles anders als man denkt. Im Zweifel für den Zweifel war nie meine Devise, das hat geholfen. Auswandern ist das Risiko wert. In die Dusche pinkeln wenn man grad eh Duscht statt extra aufs Klo zu gehen, Freitags niemals Post öffnen, geniess erst mal das Wochenende, das hat bis Montag Zeit…ach und so weiter…

Hast du eigentlich ein all-time Lieblingsfoto? Und wenn es Wagners Hochhaus-Drop ist, was ist die Nummer 2?

In der Tat – Martin Wagner, auch das erlebte um das Bild herum, die Story. Genau wie der David Conrads drop in Köln, Klaus Dieter Span vor dem Hochhaus auch – die 90er

Architektur und all das gut und schön… Aber wann kommt das Buch mit den Stories? Mindestens jedes dritte deiner Skatepics hat doch sicher irgendeine bekloppte Anekdote am Bein?

Ja klar, das wäre natürlich eine Idee, aber Print ist heutzutage auch eine schwierige Sache und solch ein Buch erfordert auch eine Menge Zeit und Arbeit. Zudem ist es auch eine Frage, ob jemanden so etwas auch interessiert oder es einfach eine persönliche Aufarbeitung meiner schrägen Skateboardzeit bedeutet. Mal sehen, ich weiß nicht. Bei meinem neuen Buch „Local Continuum“ bin ich ja schon all die alten Spots noch einmal abgefahren und habe sie ohne Skater abgelichtet. Das war schon sehr emotional, da teilweise dazwischen 20 bis 30 Jahre lagen und mir natürlich die dazugehörigen Zeiten/ Geschichten einfielen. Da muß ich zum Abschluss doch noch mal sagen wie dankbar und bewundernd ich gegenüber jedem Skateboarder bin, der es mit mir ausgehalten und ertragen hat. Ich war, glaube ich, oft auch ungerecht und voreingenommen, ungeduldig und fordernd. Egal, ob der Skater dadurch teilweise über sich hinausgewachsen ist oder nicht. Seltene Male ging es auch schief und ich weiß genau, das ich ohne diese Verrückten damals niemals das erreicht hätte was ich erreicht habe. Danke dafür.

Text/Interview: David Luther

Fotos: Helge Tscharn @helge.tscharn

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