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Andreas Hesse & Alex Flach vom Civilist Store im Interview

Andreas Hesse und Alex Flach, die beiden Männer hinter dem Civilist Store in Berlin, waren früher hauptberuflich für das Lodown Magazine für Popkultur und Bewegungskunst (ebenfalls in Berlin) tätig. Und weil nichts so sehr prägt wie das eigene Umfeld ist es auch nicht weiter wunderlich, dass die beiden keinen klassischen Skateshop, sondern etwas Neues gemacht haben. Wir haben Fowley und Andreas gebeten einige Fragen zu beantworten, da wir im Civilist Store einen Knotenpunkt zwischen Mode und Skateboarding sehen.


[Interview: Niklas Isenberg | Fotos: Alex Flach]

Hallo ihr beiden, inwiefern versteht ihr euch als Skateshop, inwiefern als Fashion Store?
Der Hauptgedanke beim Civilist war die gesamte Kultur zu zeigen, die sich u.a. aus Skateboarding entwickelt hat: Grafik, Illustration, Fotografie, Musik, Print und auch Bekleidung. Wir kommen vom Lodown Magazine, bei dem wir uns mit der gesamten Palette beschäftigt haben. Deswegen war der Laden von Anfang an als Raum konzipiert, in dem wir Veranstaltungen, Ausstellungen, Launch Events und so weiter abspielen wollten. Außerdem wollen wir Crews aus allen möglichen Bereichen, die Berlin ausmachen, zusammenführen. So haben wir uns nie gefragt ob wir nun Skateshop, Fashion-Store, Galerie oder Vereinsheim sind.

Was unterscheidet euch denn vom klassischen Skateshop?
Der Civilist präsentiert die Produkte sicher aufgeräumter und reduzierter, als ein regulärer Skate-Store. Gleichgeblieben ist der soziale Aspekt. Genauso wie früher California Sports oder heute noch Search&Destroy funktioniert Civilist als Hangout. Nicht nur für Skateboarder wie Sami oder Farid, wenn sie in Mitte unterwegs sind, sondern auch für Musiker, Künstler, Schauspieler oder Leute aus dem Club-oder Barbereich. Das ist die Mischung in Berlin, bei der sich vieles überschneidet und gegenseitig beeinflusst.

Wir haben uns nie gefragt ob wir nun Skateshop, Fashion-Store, Galerie oder Vereinsheim sind

Welcher Teil eurer Produkte sind noch klassische Skatebrands? Worauf legt ihr beim Einkauf wert?
Wir haben den Laden 2009 innerhalb weniger Monate gegründet, deshalb konnten wir nur auf Marken zurückgreifen, deren Macher wir persönlich kannten. So war von Anfang an klar, dass alle Brands direkt aus dem Skateboarding kommen oder den Background darin haben. Im Februar diesen Jahres haben wir in unserem zweiten Laden den Civilist/Nike SB Store aufgemacht, in dem wir noch mehr auf Brands wie Radio, UXA, Palace, Ambivalent oder Fourstar eingehen können. Im Allgemeinen suchen wir nach Brands mit guter Qualität und angemessenen Schnitten. Langsam merken auch die Marken, dass die 90er vorbei sind, als man Standardware mit dem Logo versehen und für zu viel Geld verkloppen konnte. Huf zum Bespiel legt immer mehr Wert auf eine gute Passform abseits des amerikanischen Quadrat-T-Shirts. Palace lässt Jacken exklusiv in England herstellen. Die Grenzen zwischen Core-orientierten Klamotten und „Fashion“ sind fließend. Norse Projects haben die beste europäische Qualität inklusive perfekter Materialien und sauberer Schnitte. Norse ist kein Skatebrand, hat aber mit Mikkel den Skateboard-Background. Großartige Marke, die nun auch bei Slam City Skates in London anzutreffen ist.

Habt ihr schon mal über ein Shop-Team nachgedacht?
Sami Harithi ist gerade im Laden und beantwortet die Frage mal für uns: „Ehhgall! Warum eigentlisch? Gibt auch Bargeld? Wieviel?“ Und jetzt mal die offizielle Antwort: Ja. Klar. Das gibt’s wohl auch schon im kleineren Sinne. Das Team besteht aber eher aus unseren Freunden, wie Sami z.B., ohne klare Ansagen, ohne Mitgliedsausweis oder Vertrag. MBH.

Wie sehen eure typischen Kunden aus?
Es sind unterschiedliche Gesichter aus allen oben genannten Bereichen. Dann noch das internationale Publikum, das in Berlino auf Shopping- oder Feiertournee ist. In Berlin vermischen sich die diversen Crews durch das Clubleben und die vielen Veranstaltungen. Skateboarder sind abends unterwegs, machen dort massive Randale, beeinflussen die Kids auf der Tanzfläche, DJs und Musiker wie von Keinemusik skaten selbst. Ambivalent sind Teil der Posse und veranstalten auch Partys. Dann sitzen wir noch mittendrinn. Foley und Marcus legen auch manchmal auf. Das alles spielt sich auch hier im Laden ab und spiegelt sich dementsprechend bei der Kundschaft wieder.

Wie modisch schätzt ihr Skateboarding generell ein und warum?
Skatebaording ist und war modisch. Als identifikationsstiftende Maßnahme früher, als es noch was von Counter Culture hatte. Damals wurden wir – auch zu recht – wegen der Panzerhosen ausgelacht, dann wurden Skateschuhe und Hosen ins normale Öffentlichkeitsbild transportiert. Dann wieder die komplette Umorientierung in den letzten Jahren. Die Abkehr von modischem Firlefanz hat ja auch einen modischen Unterton. Skateboarding ist mittlerweile komplett im Mainstream angekommen. Bei der US-Serie „House of Lies” wird über Janoskis gesprochen, Dill kreuzte bei Ozzy auf, Pharrell zeigt sich mit Skate-Utensilien, A$AP Rocky kann ohne Supreme Cap kein Konzert geben. Das Erscheinungsbild von Skateboarding ist omnipräsent. Es wird sich weiterentwickeln, und wahrscheinlich wie früher auch weiterhin von Musik beeinflusst bleiben, wie HipHop oder Punk. Und das ist das wirklich Positive: Es ist in den letzten Jahren wieder breiter und unterschiedlicher geworden.

Die Abkehr von modischem Firlefanz hat ja auch einen modischen Unterton

Wo seht ihr große Einflüsse auf die Skateboardmode?
Das geht vielleicht wieder in Richtung 90er, in denen Logos gerippt worden – wie jetzt bei Palace. Vieles wird wieder dezenter, außer bei den obligatorischen Randale-Brands. Und der Einfluss auf die Skatebrands aus dem Bereich High-Fashion oder den unterschiedlichen Musiksparten wird wieder grösser. Das war früher vielleicht mal anders herum, dass sich diese Fashion-Marken eher im Skateboarding bedient haben.

Im Moment ändert sich ja merklich viel in der Skatewelt, sind wir in einer Phase des Umbruchs?
Immer – das hat sich auch eigentlich nicht geändert über die letzten 20 Jahre. Es ist ein stetiger Umbruch mit positiven, als auch negativen Folgen. Nur wird es sicher einschneidender. Am Ende werden nur noch wenige Schuh-Brands übrig bleiben. Dafür können sich regional eher kleinere Board- und Klamotten-Brands entwickeln, die sich auch über die Social-Media-Kanäle ganz anders positionieren können. Ich denke und hoffe, dass die Einflüsse auf Skateboarding breiter gestreut werden und dass Skateboarding wieder mehr Einfluss auf Mode u.s.w. haben wird.

Wer sind für euch relevante Stilikonen im Skateboarding?
Jason Dill, Matt Hensley, Gino Iannucci, Jason Lee, Mark Gonzalez, Todd Jordan, Jovontae Turner, Andrew Reynolds, Brian Lotti, Greg Hunt, Robert Stoye und Sami Harithi.

Was denkt ihr über Retro-Bewegungen und generell die ältere Generation Skateboarder?
Fair enough – nachdem wir noch mal auf dem Personalausweis unser Geburtsjahr verglichen haben. Bei den Kids kann man das komplett verstehen. Mode, Stil, Musik, Filme, Literatur unterliegen immer den abwechselnden Orientierungen, mal mit dem Blick nach vorne, mal nach hinten. Aber es ist schon unglaublich wie viele der alten Leute hier in Berlin wieder am Skaten sind. Ein paar von denen sind mittlerweile Väter und holen ohne Probleme das alte Trickrepertoire raus. Großartig! Was allerdings etwas über den Horizont hinausgeht, sind Longboards.

Ihr kooperiert ja viel mit „Keinemusik“, macht Events und Parties… Ist so was nötig, um einen Shop am laufen zu halten?
Nee, notwendig ist das nicht, aber wir haben die ganzen Veranstaltungen unter anderem als Grundvoraussetzung gesehen, um Civilist auch für uns interessant zu halten. Die Verbindung zu Keinemusik ist freundschaftlich. Die sind nur wenige Monate vor Civilist an den Start gegangen und haben bei uns im Laden und bei unseren Events mit Koston und Konsorten aufgelegt. Monja, Keinemusiks Illustratorin, hatte bei uns eine Ausstellung. Wir haben zusammen auch Shirts gemacht. Die Jungs hängen bei uns am Laden ab, und wir bei denen. Das ganze überschneidet sich mit Ambivalent und der MBH Crew. Überall ist jeder bei jedem irgendwie dabei.

Am Ende werden nur noch wenige Schuh-Brands übrig bleiben. Dafür können sich regional eher kleinere Board- und Klamotten-Brands entwickeln

Wie steht es mit eurer eigenen Kollektion?
Die kommt! Schon klasse, dass wir mit der Minimalausstattung – T-Shirts, Schals und Beanies – bereits so eine große Verbreitung erfahren haben. Nach den Kollaborationen mit Vans Syndicate oder Nike SB arbeiten wir an weiteren für die kommenden 18 Monate. Und auch unsere Kollektion wird bald mehr Teile neben den genannten Basics umfassen. Wir wollen uns damit aber nur an befreundete Stores wenden. Wie schon zuvor gesagt, wollen wir den Qualitätsstandard weiter heben. Deshalb produzieren wir in Europa – das kostet mehr, lohnt sich aber. Nicht nur wegen kürzerer Transportwege und mehr Flexibilität. Das Produkt kann einfach mehr. Mit der generellen Aussage unserer Items werden wir wahrscheinlich wieder zwischen den Stühlen sitzen: Skatebrand, Streetwear oder Casual ist unserer Meinung nach egal, solange das Produkt für sich spricht.

Warum ist Berlin in Bezug auf Mode dem Rest der Republik voraus?
Dafür zeigen sich einige Faktoren verantwortlich. Wir zählen mal auf: Mauerfall, Platz, um alles auszuprobieren, niedrige Lebenshaltungskosten ziehen Kreative an, starker internationaler Einfluss, viel internationale Aufmerksamkeit, sehr viel Do-It-Yourself und offen für all das, was sich hier entwickelt hat. Berlin hat massiv Schwein gehabt!

Würde euer Konzept auch in anderen Großstädten funktionieren?
Vielleicht. Kann man schwer auf eine andere Stadt projizieren. Bei uns war es eben nicht nur Skateboarding, sondern auch das Interesse für Kunst, Musik und die explodierende Clubkultur aus dem sich alles entwickeln konnte. Es sind die Querverbindungen, die es interessanter machen. Das sieht überall anders aus und entwickelt sich aufgrund der speziellen Voraussetzungen eigenständig. Wie zum Beispiel SHRN in München. Es ist ein grundsympathischer Core-Skateshop, hat aber mit Robinson noch den Bezug zum Nachtleben. Die ziehen komplett ihren Stiefel durch.

Welches Brand ist aktuell seiner Zeit voraus?
Ganz weit vorne ist Palace. Die haben alles richtig gemacht: London, die Designer, die Videoästhetik und der Humor. Ambivalent haben eine moderne Brand-Architektur. Klasse, wie die Jungs mit dem Design, Events und der Kommunikation die Marke entwickeln. Bei Nike SB wird mehr an technischen Neuerung kommen, die nutzen ihre Möglichkeiten an Innovation und Marketingpower. Und Vans Syndicate zollt den Tribut an Skateboarding aus den 90ern, die weitere unerwartete Releases zur Folge haben. Ansonsten fällt uns gerade noch MBH ein: Mitte bleibt hart, und in eigener Sache natürlich: Civilist.

Euren Store gibt es nun seit drei Jahren – Was waren die wichtigsten Erkenntnisse?
Haste Scheiße am Schuh, haste Scheiße am Schuh!

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