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Skateistan Interview mit Oliver Percovich




Anlässlich unserer aktuellen Interview Issue gibt es das Inside Out mit Oliver Percovich an dieser Stelle in voller Länge. Freut euch schon auf ein weiteres Full Length Feature. Ich sag nur Froston.

[Interview: Niklas Isenberg; Fotos: Skateistan]

Der Australier Oliver Percovich (38) folgte 2007 seiner Freundin nach Kabul, um sich vor Ort einen Job zu suchen. Wenig später gründete der ehemalige Mystic Cup-Teilnehmer Skateistan. Im Interview berichtet er über den Selbstmordanschlag am 8. September diesen Jahres, der das Leben von vier Skateistan-Schülern und einem Mitarbeiter gefordert hat, sowie dem Fortschritt weiterer Projekte und den Herausforderungen kulturelle Unterschiedlichkeiten zu überbrücken und Vertrauen zu schaffen.

Hallo Oliver, wie geht es dir derzeit?
Ich bin ziemlich erschöpft von der Arbeit in Afghanistan. Die letzten fünf Jahre waren sehr aufregend. Im Februar ist das Dach unseres Skateparks kaputt gegangen, im Mai ist einer unserer Skatelehrer gestorben und vor ein paar Tagen gab es hier einen Selbstmordanschlag bei dem vier unserer Schüler und einer unserer Mitarbeiter getötet wurden. Die Höhen und Tiefen sind anstrengend, aber die Arbeit hat einen hohen Wert, denn die Kids verlassen sich auf uns.

Kannst du erklären warum Skateistan-Schüler und ein Mitarbeiter dem Anschlag zum Opfer gefallen sind?
Ich denke, dass der Anschlag das Hauptquartier der ISAF [International Security Assistance Force; Anm. d. Red.] treffen sollte, was die größte Militärbasis in Kabul ist. Der 14-jährige Selbstmordattentäter war als Straßenverkäufer getarnt. Die betroffenen Schüler und der Mitarbeiter arbeiteten ebenfalls als Straßenverkäufer in dieser Gegend, die sehr gefährlich und gleichzeitig lukrativ ist, weil dort viele Ausländer entlang kommen. Ich schätze nur die verzweifeltesten Familien schicken ihre Kinder dort zum Betteln hin. Die Kinder haben versucht den Selbstmordattentäter zu verscheuchen, ihn vielleicht sogar geschubst. Ich denke, die Kinder waren nicht das Ziel des Attentats, doch weil sie ihm zu Nahe gekommen sind, ist er vermutlich durchgedreht und hat den Knopf gedrückt. Das war ein schlecht geplantes Attentat von den Taliban, kein Kind würde einen Fremden in seinem Revier etwas verkaufen lassen!

Inwiefern wirkt sich das Attentat auf Skateistan aus?
Es ist wirklich schwer damit umzugehen. Man muss sich vorstellen dass die Kinder zwischen 8 und 15 Jahre alt waren und wir eine Beziehung zu ihnen aufgebaut haben, weil wir mit manchen schon seit vier Jahren skaten. Wir haben alle eine Beziehung, die auf Skateboarding basiert, dadurch wurden kulturelle Unterschiede überbrückt und es ist hart Fotos von blutenden Körpern zu sehen, von Kindern, die man kennt. Einer der Jungen war 15 Jahre alt und hat konstant unsere Contests gewonnen und als Freiwilliger beim Unterrichten geholfen. Damit man ein Skateboard von uns bekommt, muss man einen Contest gewinnen. Wir verschenken keine Boards, wir haben nur eine kleine Anzahl an Boards, die wir mit den ganzen Kindern teilen. Er war ungefähr drei Jahre bei Skateistan dabei, ein tougher Junge und auch eine Art Vorbild für die anderen Kinder.

Oliver Percovich am Go Skateboarding Day in Kabul

Bitte beschreib mal die Entwicklung des Projekts von 2007 bis heute.
Ich bin nur mit drei Boards nach Kabul gekommen, weil ich eigentlich einen anderen Job dort suchte. Die Kinder, denen ich es zeigte, waren direkt von Skateboarding angetan. Nachdem ich eine Menge Fakten über die Organisationen und Hilfsleistungen in Kabul gelesen habe, war ich geschockt, wie viel Geld investiert, aber wie wenig damit erreicht wurde. Und als ich herausfand, dass 30% der Gesamtbevölkerung Afghanistans unter 16 ist und sich niemand wirklich um sie kümmert, dachte ich, dass Skateboarding den Mädchen und Jungen helfen könnte. Nach sieben Monaten in Afghanistan kam ich in Kontakt mit einem alten Freund von mir, dem Chef der Black Box Distribution in Australien und fragte ihn, ob er mir Skateboard Hardware nach Afghanistan schicken könne, um das Projekt zu starten.

Wie hat sich das Projekt bis heute entwickelt?
Ich denke es ist ziemlich schnell gewachsen. Als ich Anfang 2008 zurück nach Afghanistan kam, hatte ich ungefähr zweitausend Dollar gespart und habe angefangen einen Vorschlag zu entwickeln, um einen Skatepark in Kabul zu bauen. Nach ungefähr einem Jahr, in dem ich versucht habe Geld für den Park aufzutreiben, haben sich letztendlich einige Botschaften eingeschaltet. Die kanadische, die norwegische, die deutsche und die dänische Botschaft haben Geld für das Projekt gespendet und über das afghanische olympische Komitee wurde uns ein Stück Land zugeteilt, auf dem wir den Skatepark bauen konnten. Wir arbeiteten mit einer großen afghanischen Baufirma zusammen, die uns für 200.000 Dollar eine Halle baute, die normalerweise 1.000.000 Dollar gekostet hätte. Unsere Skatehalle ist die größte Indoor-Sportanlage des Landes, in der wir seit Oktober 2009 wöchentlich 400 Schüler betreuen. 40% der Schüler sind Mädchen, was uns zur größten Sporteinrichtung für Frauen des Landes macht. Ich glaube, dass macht Afghanistan zu dem Land mit dem prozentual größten Anteil an Frauen im Skateboarding.

Hast du eine Erklärung warum so viele Mädchen mitmachen?
Das war für uns von Anfang an eine der Prioritäten. Mädchen haben in Afghanistan kaum Zugang zu Bildung und Sport. Außerdem dürfen sie weder Auto noch Fahrrad fahren. Einige konservative Familien lassen ihre Töchter nicht zur Schule gehen. Weil aber Skateboarding so neu ist, gab es noch keine Regeln zu dem Thema, deswegen hatten wir direkt von Beginn an viele Mädchen dabei. Skateboarding ist dadurch eine Art Frauensport in Afghanistan geworden. Wir haben unterschiedliche Tage für Mädchen und Jungen, weil die Geschlechter ab dem Alter von zwölf weitgehend getrennt werden. An zwei Tagen unter der Woche werden nur Mädchen von weiblichen Lehrern und Helfern unterrichtet. Ein Mädchen, das bei dem Anschlag ums Leben kam, war ein Skateinstructor und dazu eine der besten weiblichen Skaterinnen Afghanistans.

Auch Mädchen nehmen in großer Anzahl am Skateistan Projekt teil.

Wie regelt ihr den Nachschub an Boards und Schuhen?
Wir hatten von Anfang an einige Sponsoren. Black Box Distribution, also Zero und Fallen, für Schuhe und Boards. TSG hat uns seit Beginn mit Safety Gear versorgt, aktuell ist Spitfire dazugekommen, Theeve Trucks und Speed Metal Bearings. Der Verschleiß hält sich aber in Grenzen, weil wir in der Halle auf regelmäßig gereinigtem Mamorboden skaten. Außerdem haben wir einige Brandings in der Halle, die für eine weitere Unterstützung sorgen.

Wie reagieren die Eltern auf das neue Hobby ihrer Kinder?
Wir versuchen die Eltern so stark wie möglich zu involvieren, um direkt eine Beziehung zu ihnen aufzubauen. Die Kinder müssen ihre Eltern mitbringen, um sich registrieren zu lassen. Wenn wir Events veranstalten laden wir die Eltern ein, auch wenn einige männliche Familienmitglieder nicht damit einverstanden sind, dass Mädchen an dem Programm teilnehmen. In solchen Fällen kann man nicht wirklich viel tun. Was aber oft passiert, wenn Elternteile ihren Kindern verbieten hierhin zu kommen ist, dass die Kinder tagelang weinen, bis sie wieder kommen dürfen.

Gibt es Feindseligkeiten von Außenstehenden gegenüber Skateistan?
Nein, gar nicht. Wir versuchen so wenig Skateboardkultur wie möglich nach Afghanistan zu bringen. Wir haben keine Magazine, wir haben keine Klamotten, keine Musik, die Kinder sehen keine Skatevideo. Es ist einfach ein Brett mit vier Rollen und die Kinder skaten teilweise sogar in ihren traditionellen Gewändern.

Also sehen die anderen Leute keine Verbindung zur westlichen Kultur?
Genau, es würde nur Probleme machen und unser Fokus liegt darauf, den Mädchen und Jungs Zugang zu Sport und Bildung zu geben. Wir haben fast keine Ausländer, die am Programm beteiligt sind. Wir haben 25 Leute im Programm, davon sind drei Ausländer, zwei von ihnen Deutsche. Wir halten die ausländischen Mitarbeiter relativ im Hintergrund und versuchen Skateistan als afghanisches Projekt zu präsentieren. Skateboarding wird als afghanischer Sport betrachtet.

Die afghanische Umgebung spricht eine klare Sprache. Die Sprache von Wais Darulamans Ollie ist universell.

Was hast du während der letzten fünf Jahre über Afghanistan und die Leute im Land gelernt?
Ich denke die Menschen sind in einer sehr komplizierten Situation. Afghanistan liegt an den Reisewegen der damaligen Zeit, war also Teil der Verbindungsstrecke zwischen China und Europa. Für lange Zeit sind viele Leute durch das Land gereist und die Afghanen sind es nicht gewöhnt, dass jemand ihr Land kontrolliert. Ich gehe davon aus, dass sich Pakistan und der Iran stark in die Politik des Landes einmischen. Ich würde Afghanistan gerne auf seinen eigenen Beinen stehen sehen. Eines der größten Probleme in Afghanistan ist, dass sich die vier größten Ethnien des Landes gegenseitig nicht ausstehen können, was in langen Bürgerkriegs-Perioden begründet ist. Jeder bleibt bei seinem Stamm bzw. seiner Ethnizität und diese Dinge sind sehr schwer umzubrechen. Afghanistan hat eine sehr junge Bevölkerung, 50% sind unter 25, also könnte die nächste Generation ganz anders aussehen, als die aktuelle. Es ist eine unheimlich wichtige Zeit im Moment, in Bezug darauf, wovon die nächste Generation beeinflusst wird, wie Afghanistan in zehn oder zwanzig Jahren aussehen wird. Ich denke, es gibt Parallelen zu der Schweiz. Es gibt vier große Bevölkerungsgruppen, viele Berge und nicht viel Kommunikation unter den verschiedenen Gruppen. In der Schweiz hat man gelernt miteinander auszukommen, wobei die Lage in Afghanistan natürlich noch komplizierter ist. Der Streit zwischen den einzelnen Gruppen ist komplex und hält das Land davon ab, sich wirklich vorwärts zu bewegen. Es muss Vertrauen unter der Bevölkerung geschaffen werden, damit sie miteinander arbeiten können, um das Land neu aufzubauen.

Kannst du etwas über weitere Skateistan Projekte erzählen?
Wir bauen gerade eine neue Halle in Mazar-e-Sharif, im Norden Afghanistans. Die wird dreimal größer als die in Kabul werden und wir werden in der Lage sein jede Woche tausend Kinder zu unterrichten. Wir hoffen Ende des Jahres eröffnen zu können, das ist eine ziemlich ehrgeizige Vergrößerung, aber wir hatten mit dem Projekt in Kabul so viel Erfolg, dass wir überzeugt sind uns nicht zu übernehmen. Das ganze Projekt wurde von der deutschen Regierung bezahlt. Ein dritter Skatepark wurde gerade in Kambodscha fertiggestellt. Wir haben ein Stück Land gemietet und ein Dach darüber gebaut. Außerdem gibt es noch ein ganz kleines Projekt in Pakistan, wo einer unserer IT-Leute, der ursprünglich aus Afghanistan kommt, aber in Pakistan lebt, etwas an Equipment hütet und kleine Sessions mit den Kindern und Jugendlichen fährt.

Die Begeisterung der Kids in Afghanistan verdeutlicht die Wichtigkeit des Projekts.

Erzähl mal was über das Skateistan-Buch.
Es wurde vom Skateistan-Team produziert und wird über die Black Box Distribution vertrieben, das heißt jeder Shop der Zero und Fallen verkauft, müsste an das Buch herankommen können. Das Buch kostet 40 Euro und der ganze Gewinn fließt in neue Skateistan-Projekte. Das Buch handelt vom Leben der Kinder, die Teil des Projekts sind und behandelt erzählt die Entstehungsgeschichte und Entwicklung von Skateistan.

Wie kann man darüber hinaus euer Projekt unterstützen?
Ihr könnt z.B. Skateistan Produkte kaufen, wir haben Taschen, Hoodies, T-Shirts und Co-Branded Produkte. Außerdem kann man online ab 1 Euro spenden und es gibt einen deutschen Verein, dem ihr beitreten könnt, es gibt also viele Wege zu helfen.

Kann man auch innerhalb von Skateistan aktiv werden?
Wir haben ein Freiwilligenprogramm. Manchmal bekommen wir 80 Bewerbungen an einem Tag, doch wir nehmen nur sechs bis acht Bewerber pro Jahr in das Projekt auf. Ihr könnt uns bei Facebook und Twitter folgen, um Aktuelles zu erfahren.

Worin besteht der Unterschied zwischen Skateistan und Skateaid?
Skateaid wurde nach Skateistan gegründet und beide Organisationen haben nichts miteinander zu tun und werden es auch niemals haben. Ich denke es ist wichtig klarzustellen, dass das zwei separate Projekte sind.

Danke für das Gespräch.

Wer vergessen haben sollte dass sich Skateboarding um Spaß dreht, der braucht sich nur dieses Bild anzusehen, um sich wieder zu erinnern.

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