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Karten auf den Tisch. Jan Wittke hat ein Interview in der Monster, weil er homosexuell ist. Voll daneben, weil politisch vollkommen unkorrekt,  denken jetzt einige. Denn: „Positive Diskriminierung“ bedeutet die gezielte Vorteilsgewährung gesellschaftlich benachteiligter Gruppen und wird mit Recht durchaus kritisch betrachtet. Das soll uns aber egal sein, denn in dem Fall sind wir es, die Jans Interview „kriegen“ und wir drucken es nicht aus Mitleid, sondern weil wir wissen wollen, wie es ist als Schwuler in der Skateszene. Wir denken die Zeit ist überreif wenigstens einen gesponserten, deutschlandweit bekannten, öffentlich schwulen Skater zu haben und so vielleicht die Hürde für Nachkommende  ein bisschen kleiner zu machen. Denn wie bereits die Kollegen von der Place anmerkten: „Einer von zehn ist schwul.“ Und es ist eine Schande, dass sie sich immer noch verstecken müssen und wir bereits einen von unseren Besten genau deshalb verloren haben.

[Interview: Niklas Isenberg | Portrait: Christoph Schröder / Foto: Hendrik Herzmann]

Jan, gibt es als homosexueller (Skater) eigentlich bestimmte Situationen, die man regelmäßig erlebt?
Hier in Hamburg gibt es ja eine Menge Schwuler, die komplett aufgetakelt wie Papageien durch die Straßen laufen. Da fallen dann oft Sprüche wie „Ach komm, wir machen dich jetzt zum Hetero. Fang erst mal mit ‘ner Transe an, das bekommen wir schon hin”. Das ist in dem Moment sicherlich ganz witzig gemeint, nur hab ich den Spruch halt schon zum 100. Mal gehört und es gibt eigentlich auch nichts, dass man „hinbekommen“ müsste. Eine Sache die auch irgendwann nervt ist, dass das Wort „schwul“ oder „gay“ als Synonym für „scheiße“ verwendet wird. Ab und zu komm ich damit klar, aber wenn es standardmäßig als Synonym für etwas Negatives benutzt wird, dann nervt das. Andererseits gibt es auch viele Gruppen, in denen das noch viel krasser ist. Klar regt mich das ab und an auf, wenn so Sprüche von den Skate-Jungs kommen, aber es hält sich in Grenzen. Obwohl sich das Wort schon echt lange als Beleidigung hält, wird es weniger.

Gibt es irgendwelche Empfehlungen an andere homosexuelle Skater, die sich vielleicht noch nicht geoutet haben, wie man mit bestimmten Situationen umgehen kann?
Auf jeden Fall würde ich davon abraten ein Geheimnis daraus zu machen. Vielleicht sollte man sich erst mal seine zwei, drei besten Freunde zusammensuchen und ihnen das sagen oder mal abklopfen, was die davon halten.

Manchmal denke ich, dass viele Leute nur sagen, sie hätten mit Homosexualität kein Problem. Wenn sie dann aber mit dem Thema konfrontiert werden, reagieren sie pikiert.
Genau aus diesem Grund finde ich es auch so wichtig, die Fragen zu beantworten die manche Leute so haben.

Andere Leute sagen, sie nervt das Thema, „weil es doch gar keines mehr ist“. Wie siehst du das?
Das stimmt halt nicht. Das Thema an sich ist in der Gesellschaft immer noch ein Problem. Nicht jeder ist so aufgeklärt oder tolerant, dass er damit auch klarkommt. Anhand von Fragen, die einem gestellt werden oder Berichten wird die Situation schon besser. Aber damit ist das Thema nicht durch. Zumal ich meinen Freund ja immer noch nicht heiraten dürfte.

Glaubst du, dass es ein großes Thema wäre, wenn sich irgendein Pro outen würde?
Nein, ich glaube das wird auf jeden Fall überbewertet. Ich glaube, dass es eine Tendenz gibt, sich pro Homosexualität auszusprechen, weil man aufgeklärter ist. Seit dem Zeitraum, in dem ich mich geoutet habe, hat sich ja jetzt auch schon wieder eine ganze Menge getan. Ich kenne so viele Leute, die da kein Problem mit haben, dass ich schwul bin, von denen hätte ich das früher nie gedacht. Andererseits, wenn ich mir anschaue, wie das bei anderen Spitzensportlern gelaufen ist, wo das Outing dann auch gleichzeitig das Karriereende bedeutet hat, kann ich es auch ein bisschen verstehen, dass es noch niemand gemacht hat. Wobei ich nicht glaube, dass das automatisch auch im Skateboard-Business so wäre. Klar, das ist Amerika und dort ist alles eine Spur krasser. Dennoch glaube ich, dass es dort nicht so das Thema wäre, wenn sich ein gestandener US-Pro outen würde. Ich habe es so mitbekommen, dass die meisten Skater doch eher tolerant sind.

Was würde es ändern, wenn es öffentlich homosexuelle Pros geben würde?
Ich denke, dass es für die Kids auf jeden Fall ein Gewinn wäre. Wenn die sehen, dass ein Pro, der mega abgeht, homosexuell ist, dann werden sicherlich weniger dumme Sprüche gemacht und das hilft sicherlich dem ein oder anderen, der selbst bemerkt, dass er homosexuell ist, damit umzugehen. Dann ist das ganze Thema für die sicherlich lockerer. Die Kids werden insgesamt dadurch vielleicht sensibilisiert für das ganze Thema.

Alex Olson hat in seinem Jenkem-Interview gesagt, dass er sich für die Thematik interessiert und dass „Bianca Chândon“ das Gegenteil von homophob sein wird. Außerdem kokettiert er manchmal mit einem homosexuellen Image. Weißt du ob so etwas von der Schwulenszene eher positiv wahrgenommen oder nervig gefunden wird?
Finde ich auf jeden Fall mega cool. Der will wahrscheinlich ein wenig provozieren und auf das Thema aufmerksam machen. Das Bild kommt ja gut an und erzeugt die Ansicht, dass die Skater es verstanden hätten, mit dem Thema cool umzugehen. Es sorgt dafür, dass ein Austausch darüber stattfindet. Wenn er das beabsichtigt hat mit diesen Bildern, dann ist das doch super. Die Schwulenszene an sich ist wirklich kompliziert und ich hab auch nicht so viel damit zu tun.

Wird in der Öffentlichkeit zu oft über das Thema gesprochen?
Das Thema ist meines Erachtens noch nicht abgehakt. Man wird als Homosexueller immer noch nicht so behandelt, wie als Heterosexueller. Und ich kenne hier in Deutschland zum Beispiel keinen einzigen bekannten homosexuellen Skater – dafür muss es ja schließlich einen Grund geben. Bei weit über 100 gesponserten Skatern müsste es eine ganze Reihe geben. Außerdem dürfen Schwule immer noch nicht heiraten, das zeigt ja, dass Homosexualität noch nicht bei allen akzeptiert ist. Im Alltag ist es meines Erachtens eher die Beeinflussung durch Parolen und Vorurteile Anderer, als eine tiefe persönliche Abneigung. Menschen, die ein Problem mit Homosexuellen haben, haben in der Regel keine schlechten Erfahrungen gemacht, sondern lassen sich einfach durch Vorurteile und Parolen beeinflussen, anstatt nachzudenken und tolerant gegenüber etwas Fremden zu sein. Deshalb ist es immer gut, wenn über das Thema gesprochen wird.

Das komplette Interview mit Jan findet ihr in unserer aktuellen Ausgabe. Außerdem findet sich auf unserer Webseite noch ein Interview mit Frau Dr. Tatjana Eggeling zum Thema Skateboarding und Homosexualität.

Jan Wittke – Frontside Flip [Foto: Hendrik Herzmann]

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