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„Skateboardgeschichten“ von Dirk Vogel

Dirk Vogel ist ein Urgestein der deutschen Skateszene und war lange Jahre für unsere Freunde vom Limited aktiv, sowie er auch für das Monster und viele andere Skatemagazine Artikel verfasst hat. Im Jahr 2009 erschien außerdem das bei Gingko Press veröffentlichte Buch “Made For Skate: The Illustrated History of Skateboard Footwear”, an dem er als Autor tätig war. Er ist also definitv einer, der Skateboarding kennt wie seine Westentasche und über die Jahre mehr Geschichten erlebt hat als auf die oft zitierte Kuhhaut passen.

Jetzt allerdings gibt es in der als eBook für Kindle erschienenen Kurzgeschichtensammlung „Skateboardgeschichten“ immerhin 13 Storys zu lesen, von denen einige bereits in namhaften Skatemagazinen veröffentlicht wurden, plus einen Essay über Skateboarding und urbane Architektur. In diesen Geschichten gibt Vogel sehr genau die Wahrnehmung von Skateboardern wieder und beschreibt eine Welt die uns allen wohl bekannt ist. Die Eindrücke, die man nur sammelt wenn man auf einem Holzbrett durch die Gegend gleitet, die ganz eigenen Wege die man damit beschreitet und die Erkenntnisse die einem dadurch zu Teil werden. Wer Skateboard fährt, wird sich in den Geschichten auf jeden Fall wiederfinden.

Um euch einen kleinen Einblick in das Buch zu geben, könnt ihr hier schon mal die Geschichte „Eingekreist“ als Kostprobe lesen. Wer sich danach das ganze Buch downloaden will, der kann das hier für einen schmalen Taler machen.

Eingekreist
von Dirk Vogel

“Als ich einmal in der Wüste war”, erzählte der Mullah eines Tages, “habe ich einen ganzen Stamm blutrünstiger Beduinen zum Rennen gebracht.”
“Wie ist dir denn das gelungen?”
“Ganz einfach! Ich bin weggerannt, und sie rannten hinter mir her!”
-Geschichte aus dem Orient

Als es geschah, ging alles sehr schnell.
„Sie kommen!“ schrie der kleine Sebastian und rannte schon zu einer der Türen am Rand des Parkdecks.
Auch die anderen schnappten ihre Skateboards und suchten das Weite. Nur ich blieb wie angewurzelt am Kopf der Auffahrt zur obersten Etage stehen und sah die beiden Scheinwerfer des Streifenwagens aus dem Dunkeln auf mich zuschießen.
Fast hatte mich das Fahrzeug erreicht, da rannte ich los, viel zu spät und nach hinten auf die Parkfläche hinaus. Augenblicke danach wurde mir klar, dass ich mit einem Frontalangriff in Richtung der Streife viel bessere Chancen gehabt hätte, denn die Absperrung in der Mitte der Auffahrt verhinderte ein Wenden des Autos. Zu spät.
Nun war eine Verfolgungsjagd über den Asphalt im Gange. Mit quietschenden Reifen und heulendem Motor kam die Funkstreife näher. Die flinken Haken, die ich wie ein Hase schlug, hatten mich schnell in eine ausweglose Ecke geführt. Gerade wollte ich noch ausweichen, dann hatte mir die Motorhaube schon die Flucht versperrt. An Weglaufen war nicht zu denken. Eingekreist – jetzt hatten sie mich. Zwei Männer in Uniform stiegen aus.
Mein Atem ging in kurzen Stößen, der Herzschlag war entweder zu schnell oder gar nicht vorhanden, auf jeden Fall kaum spürbar. Das laute Knistern des Funkgeräts hallte zwischen den Säulen der Garage, die Autotüren schlugen mit Echo zu. Ich versuchte zu sprechen, doch es war wie in einem Traum, in dem man stumm ist. Der Mann mit der Taschenlampe hob als erster die Stimme.
„Wieso habt ihr es denn so eilig?“ fragte er.
Es war schwer zu sagen, ob seine Verwunderung echt war, oder nur die gespielte Höflichkeit eines Vertreters der Autorität, dem sein Opfer komplett ausgeliefert ist.
„Weil sie so schnell angerast kamen,“ sagte ich.
Er schaute zu seinem Kollegen, der während des Gesprächs am Funkgerät des Wagens zugange war. Er hob kurz die Augenbrauen. Das hatte er schon einmal gehört.
„Was habt ihr hier gemacht?“ wollte der zweite Mann wissen.
„Wir sind Skateboard gefahren,“ erklärte ich.
„Aber dann braucht ihr doch nicht weglaufen,“ lachte der Wachmann zu meiner Verwunderung.
Seltsam, die beiden schienen Skateboarding tatsächlich für harmlos zu halten. Aber was genau hatten sie sonst erwartet?
„Ich habe mich ganz schön erschrocken,“ gab ich zu. „Da bin ich eben losgerannt.“
„Und wir haben dich rennen gesehen und dachten, da kommen wir gerade richtig.“
Eine kurze Stille. Verlegenes Grinsen auf beiden Seiten.
„Ihr habt nicht zufällig die Wände besprüht oder so was?“ fragte der Größere.
„Nie im Leben,“ verneinte ich. „Wir haben einfach nur einen trockenen Ort zum Fahren gesucht. Hier ist es eigentlich ganz in Ordnung.“
Die Uniformierten schaute sich kurz um. Mit kritischem Blick musterten sie die am Boden zu einem Parcours arrangierten Palletten, Tische und quer liegenden Mülltonnen. Dass einige der Sachen dem Kaufhaus gehörten, schien sie nicht zu stören. Dann nickten sie und lächelten mich an.
„Von mir aus könnt ihr hier fahren, ihr wisst ja sonst nicht wohin. Lasst nur keinen Müll liegen dann ist das schon in Ordnung. Wenn jemand fragt, wir haben Euch nicht gesehen.“
Daraufhin stiegen die beiden in das Auto der Wach- und Schließgesellschaft und lenkten den Wagen vom Parkdeck herunter. Diesmal langsamer als sie gekommen waren, ohne heulenden Motor und enge Kurven.
Für einen Augenblick stand ich da und überlegte, was in den letzten Momenten geschehen war. Der Schrecken aus dem Dunkeln war unverhofft in einen Segen umgeschlagen. Manchmal nahmen die Ereignisse einen seltsamen Lauf, der nicht zu ahnen war. Und bevor die anderen aus ihren Verstecken herübergeeilt kamen, hatte ich einen Augenblick der Klarheit: Gejagt wird nur, wer wegrennt.

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