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X Games München in der Nachbetrachtung

Die X Games waren zum ersten Mal in Deutschland zu Gast. Vor allem viele Kids sind begeistert davon, ihre Helden dadurch aus nächster Nähe erleben zu können. Manch Core Veteran dagegen sieht den Untergang des Skateboardabendlandes gekommen sobald solche Massenveranstaltungen am Horizont auftauchen. Wir waren vor Ort und haben versucht uns ein Bild zu machen.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Nein, die X Games haben kaum was mit Skateboarding zu tun. Skateboarding wurde von gelangweilten Kids erfunden, von Außenseitern die sich ihre Freiheit und ihren Status, den sie gesellschaftlich nur bedingt besaßen, auf eigene Art holten. Die in fremde Grundstücke einstiegen und leerstehende Pools skateten und einen Feuchten darauf gaben, ob das erlaubt war oder nicht. Bei den X Games dagegen kommt man kaum ein paar Meter ohne jemandem mit Warnweste seine Akkreditierung unter die Nase halten zu müssen. Und selbst dann gibt es nur Zugang zu bestimmten Bereichen. Während die grundsätzliche Idee von Skateboarding Abgrenzung, Rebellion und Selbstverwirklichung war, haben sich die X Games Zusammenführung, Konstanz und Massentauglichkeit auf die Fahnen geschrieben.

Es ist mehr eine Hyperrealität von Skateboarding, ein poliertes Abbild, wie in einem Vergnügungspark. Es ist Skateboardings Disneyland.

Die Codes im Skateboarding sind oftmals kompliziert zu entschlüsseln. Wer nicht in der Szene steckt kann einen Switch Trick nicht von einem normalen unterscheiden und wird nicht verstehen, warum jemand wie Bobby Puleo Legendenstatus besitzt, während Greg Lutzka kaum jemanden interessiert. Runtergebrochen auf das reine Spektakel, das vor allem Vert- und Megaramp liefern, wird es dagegen verständlich. Wer dieser Show einmal beigewohnt hat der weiß, dass man die Härte dieser Tricks quasi mit seinen Urinstinkten wahrnimmt, mehr im Vorbewusstsein denn tatsächlich rational. Selbst der mitgereiste Opa an der Hand des Enkels kann unterscheiden, wer sich da gerade am waghalsigsten durch die Luft schleudert. Es sind allerdings vielleicht 20 Menschen weltweit, die derlei Stunts zu leisten im Stande sind. Damit kann das unmöglich als repräsentativ für Skateboarding angesehen werden. Es ist mehr eine Hyperrealität von Skateboarding, ein poliertes Abbild, wie in einem Vergnügungspark. Es ist Skateboardings Disneyland. Nicht verwunderlich dass ESPN, der Ausrichter der X Games, zum Disney Konzern gehört. Die Core Szene schreit bei sowas gerne auf, aber wieso eigentlich? Was ist so schlimm daran? Wer hat denn schon was gegen Disneyland?

Die Spiele in München beginnen mit einer Pressekonferenz. Jay Adams wäre es sicher nie in den Sinn gekommen eine Pressekonferenz zu geben (Stacy Peralta und Tony Alva schon eher, aber das ist eine andere Geschichte…). Paul Rodriguez schlendert mir entgegen, ich lächle ihn an, er lächelt zurück. Vielleicht hat er mein Gesicht von den X Games in Barcelona wiedererkannt (unwahrscheinlich), vielleicht freut er sich auch nur, dass ich kein Medienvertreter um die 60 mit Weißbierspoiler bin oder eine überdrehte Radiomoderatorin (schon realistischer), vielleicht ist er aber auch einfach nur ein netter Typ (definitiv). Ich finde jedenfalls keinen Grund ihm irgendetwas vorzuwerfen, dafür dass er hier ist. Eher habe ich ein schlechtes Gefühl, weil ich hier bin. Man könnte P-Rod die Augen verbinden, die Arme auf den Rücken fesseln, Knie und Fußgelenke festschrauben und er würde mich immer noch in einer Partie Skate zu null abziehen. Was ist also meine Berechtigung hier zu sein?

Wahrscheinlich ist P-Rod nicht Economy nach München geflogen, aber wir holen uns morgens die Brötchen an der Frühstückstheke im selben Hotel. Möglicherweise ist Macklemore, der zum Eröffnungskonzert tausende frenetisch kreischende junge Mädchen (Merke: Es ist immer noch vielversprechender eine Band zu Gründen, als es als Skatesuperstar zu versuchen wenn man auf Groupies aus ist) plus deren Begleiter in engen Hosen, New Era Cap und mit lokalem Brauprodukt in der Hand, im Penthouse eines VIP Hotel untergebracht. Die Street League Besatzung dagegen schläft in einer normalen Herberge und man kann Tommy Sandoval in einem Supermarkt um’s Eck beim nachmittäglichen Einkauf treffen.

Im Hotel sind neben den Teilnehmern eines Onkologie Kongresses auch noch viele russische Gäste untergebracht, die abends in der Lobby einen Cocktail-Mix-Kurs belegen. Da geht es natürlich etwas lauter zu als im Schachclub. Daneben sitzen Chris Cole, Mikey Taylor, Tim Zom, Shane O’Neill und unzählige andere X Games Starter wild durchmischt an der Hotelbar und haben ebenfalls einen sichtlich entspannten Abend. Die Spieler des FC Bayern und des BVB haben am Vortag des Champions League Finales sicherlich nicht so gemütlich zusammengesessen, geschweige denn überhaupt Alkohol getrunken. Klar, niemand hier jagt sich Hochprozentiges bis zum Abwinnken in die Rübe, aber im Gegensatz zu mir, der ich lediglich ein paar Bilder machen und ein paar Zeilen schreiben muss, und es trotzdem vorziehe, wenistens am ersten Abend komplett auf Alkohol und Nikotin zu verzichten, besitzen die Jungs geradezu den Selbstvernichtungswillen eines Pete Doherty. Klar sind sie allesamt Profis, aber eben auch Skater und die wollen feiern, auch wenn sie hier sind um sportliche Höchstleistungen abzuliefern, was man nicht so gerne macht wenn man angeschlagen ist. So wie Manny Santiago, der sich einen Tag vor Abflug nach München eine Lebensmittelvergiftung zugezogen hat und jetzt auch noch mit seinem Jet Lag kämpft. Im Livestream wird man ihm all das nicht anmerken.

In der Bahn zum Olympiagelände sitzt eine Gruppe Jungs neben mir. Sie entdecken eine Werbung von www.spaeterkommen.de und freuen sich über das Wort „Samenerguss“. Was genau das ist, wissen sie nicht, aber ihnen ist klar, dass dabei der Hauch des Verbotenen mitschwingt. Ähnlich verhält es sich mit den X Games. Die Jungs haben keine klare Vorstellung davon was da genau abgeht, aber sie wissen, dass es etwas Cooles ist. Deshalb sind sie auch ganz hibbelig und plappern vor Vorfreude viel zu laut, weil sie es kaum erwarten können, bis sie am Gelände ankommen, obwohl sie nicht einmal Karten für die Events besitzen. Es geht einfach darum, dieser Coolness irgendwie näher zu kommen.

Tom Penny macht ein Gesicht wie ein Kind, dem man erzählt hat, dass das liebgewonnene Haustier eingeschläfert werden musste, als er erfährt, dass der Big Air Contest wegen schlechten Wetters nicht stattfindet.

Das selbe Bild zeichnet sich beim Nike Signing im Planet Sports Laden, vor dem sich eine Schlange pubertierender Jungs in bunten Klamotten gebildet hat (Eine Passantin fragt passend zum vorher angesprochenen Groupie Thema: Haben die keine weiblichen Fans? Die Groupies allerdings sollten sich dann doch noch zu späterer Stunde im Club einfinden, aber auch das ist eine andere Geschichte…). Als ihre Stars den Laden betreten und man ihnen endlich hautnah gegenüberstehen kann wird losgekreischt. Diese Kids haben offensichtlich eine große Freude daran, dass die X Games nach München gekommen sind, sie sind allerdings nicht die Einzigen, die das Geschehen mit freudigen Augen wie am Weihnachtsabend verfolgen. Auch im shrn Shop, einem Laden dem wohl wirklich niemand absprechen möchte, dass es sich dabei um einen echten Core-Laden handelt, läuft der X Games Livestream. Irgendwie kann man sich der Faszination des Ganzen nicht entziehen. Sogar Tom Penny ist aus Kopenhagen angereist und macht ein Gesicht wie ein Kind, dem man erzählt hat, dass das liebgewonnene Haustier eingeschläfert werden musste, als er erfährt, dass der Big Air Contest wegen schlechten Wetters eventuell ausfällt. Er hatte sich speziell darauf gefreut.

Es sind nun mal unbestreitbar die weltbesten Skateboarder hier versammelt und denen sieht man eben gerne zu (Curren Caples z.B. live zu erleben wie er durch den Park flowt ist unglaublich) bzw. ist gerne in ihrer Nähe (selbst gestandene Street League Pros sind völlig aus dem Häuschen als sie Tom Penny vor dem Hotel entdecken und machen Fotos mit ihm). Das Fantum hört nie auf. Selbst wenn man noch so abgeklärt und nüchtern an das Event rangeht, entfährt einem dann doch unweigerlich ein Begeisterungsschrei, wenn Sean Malto per Backside Noseblunt mit traumwandlerischer Sicherheit die Hubba runter gleitet. Trotzdem wird das Spektakel irgendwann anstrengend. Die ganzen Menschen verschiedenster Provenienz (Kids, Eltern, Großeltern, Motocrosser, Mountainbiker, Sporthockerer usw.), das Getöse, der Tumult – das alles wird irgendwann zu viel und man wünscht sich, man wäre gerade auf dem zeitgleich in München stattfindenden Filmfestival oder bei einer Häuserbesichtigung auf den Architektourtagen. Irgendwas was weniger nach gebrannten Mandeln duftet. Obwohl, Moment! Nike hat doch auf Safari Tour zur Skatearchitekturbesichtigung geladen. Also alle Mann rein in den bunten Doppeldecker und los.

Keine fünf Minuten unterwegs wird Mädels vom Oberdeck aus hinterhergegeifert, die ersten Biere ploppen, die Luft beginnt süßlich zu riechen und am Spot gibt es sofort Stress mit Anwohnern woraufhin eine Polizeistreife vorfährt und die Session beendet. Kurzum: Es macht Spaß! „Das hier ist echte Street League“, hört man murmeln und ja, das kommt Skateboarding in seiner Urform näher.

Keine fünf Minuten unterwegs wird Mädels vom Oberdeck aus hinterhergegeifert, die ersten Biere ploppen, die Luft beginnt süßlich zu riechen und am Spot gibt es sofort Stress mit Anwohnern

Als am zweiten Spot der Regen einsetzt wird nicht abgebrochen, sondern die Jungs zermoschen sich weiter, weil sie Spaß haben (Gut, es gibt auch nicht zu knapp Geld zu gewinnen, aber auch ohne wären die Jungs am Start. Willow etwa ist zwei Tage nicht geskatet und nach eigener Aussage völlig ausgehungert). Hier ist man unter sich, hier fühlt man sich wohl. So könnte es den ganzen Tag weitergehen, denkt man, doch kaum dass die Session vorbei ist können es die Jungs kaum mehr erwarten, bis es Richtung Arena geht – Street League schauen. Auch hier sind alle heiß drauf Malto, P-Rod und Cole zu sehen.

Die X Games mögen nicht viel mit Skateboarding zu tun zu haben (und nach mehreren Tagen des herumirrens in dem ganzen Trubel möchte man sie manchmal verfluchen), aber wie sich gezeigt hat, hatten sowohl Fans als auch Starter einen ziemlichen Spaß daran. Dass es Leute gibt, denen das Kirmes Flair der ganzen Geschichte zu viel ist, ist verständlich, allerdings befindet sich die Zielgruppe der Veranstaltung wohl auch eher in einer Altersklasse, die noch keine Rasierer benötigt. Trotz allem zeigt aber selbst hier der Detailreichtum mit dem die Ablehnung vorgetragen wird: auch sie haben den Livestream geschaut. Irgendwie will scheinbar doch jeder auf irgendeine Art dabei sein und wer wirklich keinen Bock hat, der braucht einfach nur Streetskaten zu gehen.

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